Ich werde öfter gefragt, was ich denn von Sprühhalsbändern ("Antibell", "Jet-Care", "MasterPlus" etc.) halten würde. Ich gebe offen zu, dass ich diese Halsbänder in der Vergangenheit gelegentlich eingesetzt habe, aber nie wirklich ganz glücklich damit war. Gott sei Dank haben die Hunde, bei denen ich sie eingesetzt habe, meines Wissens nach kein Trauma davongetragen, aber das war wohl wirklich nur Glück. Beim letzten Einsatz vor vielen Jahren hatte das Teil einen Defekt und hörte gar nicht mehr auf zu sprühen und es war wohl nur der Schutzengel des Hundes, der verhinderte, dass der Hund einen psychischen Schaden davontrug. Jetzt schickte mir eine Kundin folgenden Text von Clarissa von Reinhardt, den ich hier gerne veröffentlichen möchte. Ich werde, aus nachvollziehbaren Gründen, mein Gerät nie wieder verwenden und kann nur beteuern, dass ich über die ganz schlimmen Verknüpfungen, die vorkommen können, tatsächlich nicht Bescheid wußte. Aber ich halte es da mit Adenauer "Es kann einem doch keiner verbieten, watt klüger jeworden zu sein!"
Köpfchen statt Knöpfchen...
...das gilt auch für die viel gepriesenen Sprühhalsbänder,
die in verschiedenen Ausführungen den Markt erobert haben. Spätestens
seit uns Hundenanny Katja Geb-Mann allwöchentlich im deutschen Fernsehen
vorführt, wie jeder Hund, ganz gleich welches Problem er seinen Haltern
vermeintlich oder tatsächlich bereitet, mit Einsatz einer Fernbedienung
in das Verhalten gepresst werden kann, das Herrchen oder Frauchen beliebt, finden
die Halsbänder, die einen angeblich völlig harmlosen Spraystoß
von sich geben, steigenden Absatz.
Doch schon der gesunde Menschenverstand lässt
einen aufhorchen, wenn Hersteller und Anwender behaupten, dass der jederzeit
auszulösende Sprühstoß für den Hund „gar nicht schlimm“
sei. Da fragt man sich doch selbst nach nur kurzem Nachdenken, wie es denn möglich
sein soll, instinktive, genetisch fixierte Verhaltensweisen wie zum Beispiel
das Jagdverhalten durch etwas zu unterdrücken, das dem Hund gar nichts
ausmacht?!
Dem Hundehalter wird generös angeboten, das Gerät doch
selbst mal in die Hand zu nehmen oder um den Hals zu legen, während der
Trainer den Auslöser betätigt... und tatsächlich, so schlimm
war das doch gar nicht. Ein kurzes „Zischhhh“ mit etwas feucht-kalter Luft.
„Ja“, bestätigt der überzeugte Hundehalter, „das war gar nicht schlimm.“
Was Hersteller und Trainer jedoch geflissentlich verschweigen (aus Unwissenheit
oder in betrügerischer Absicht?!), ist die Tatsache, dass plötzlich
auftretende, nicht eindeutig zuzuordnende Zischlaute beim Hund als Angst auslösende,
sogar lebensbedrohliche Laute abgespeichert sind, bei denen sofort die Flucht
ergriffen werden muss. Jeder kennt den Anblick eines Hundes, der sich selbst
im Körbchen `zig mal um die eigene Achse dreht, bevor er sich schließlich
gemütlich niederlegt. Es handelt sich bei dieser Verhaltensweise um ein
Erbe aus den Zeiten, in denen der Hund noch weitgehend draußen in Freiheit
lebte. Bevor er sich hinlegte, drehte er sich mehrfach im Gras oder Laub, um
die ausgesuchte Liegestelle als ungefährlich abzusichern. Sollte beim Drehen
ein Zischlaut (zum Beispiel von einer Schlange) zu hören sein, würde
er sich durch einen Sprung zur Seite in Sicherheit bringen. Biologisch sinnvoll...
und diesen genetisch fixierten, Angst auslösenden Zischlaut bringen wir
Menschen nun in den unmittelbaren Kopfbereich des Hundes! Und drücken vielleicht
gleich mehrfach das Auslöseknöpfchen, worauf der Hund ganz leicht
nicht nur in Angst, sondern sogar in Panik versetzt werden kann – ohne die Möglichkeit,
sich durch die Flucht zur retten!
Eigentlich ist dieser Umstand allein schon Grund
genug, niemals zu erlauben, dass einem uns anvertrauten Lebewesen ein solches
Gerät angetan (im wahrsten Sinne des Wortes!) wird. Es gibt aber noch mehr
Probleme:
Der Hund weiß nie, wann und vor allem warum
der Sprühstop ausgelöst wird, befindet sich also in ständiger
Erwartungsunsicherheit.
Wer wissen möchte, wie sich das anfühlt, dem
empfehle ich folgendes Eigenexperiment, das nicht in Anwesenheit eines Hundes
durchgeführt werden sollte, damit dieser nicht unnötig verunsichert
wird: Bitten Sie ein Familienmitglied oder einen Freund, Sie wirklich stark
zu erschrecken, zum Beispiel durch einen lauten Schrei oder dadurch, dass er
plötzlich die Stereoanlage zu voller Lautstärke aufdreht oder zwei
Töpfe aufeinander schlägt, wenn Sie gerade überhaupt nicht damit
rechnen, sich zum Beispiel entspannt im Sessel zurücklehnen oder gerade
mit Freunden Karten spielen. Das Experiment sollte mindestens mehrere Stunden,
am besten ein oder zwei Tage dauern und der Schreckreiz sollte in dieser Zeit
mehrfach ausgelöst werden – ohne dass Sie wissen, wann dies sein wird.
Sie werden merken, dass der eigentliche Reiz, wenn er dann endlich auftritt,
bei weitem nicht so schlimm zu ertragen ist, wie die zermürbende Warterei
auf ihn. Obwohl man ihn fürchtet, wünscht man ihn schon beinahe herbei
in der Hoffnung, dann wieder eine Weile Ruhe zu haben, was aber nicht so ist,
da er kurz nach dem Auftreten ein zweites oder drittes Mal ausgelöst wird
und dann wieder stundenlang gar nicht, ganz wie es Ihrem Helfer beliebt. Keine
angenehme Vorstellung, nicht wahr?!
Aber es gibt noch weitere Probleme. Gleich mehrere
ergeben sich aus der Tatsache, dass Hunde über gedankliche Verknüpfung
lernen. Trägt der Hund das Halsband und erhält den Sprühstoß,
wenn er zum Beispiel auf mehrfachen Zuruf nicht kommt, so möchte der Mensch
ihm damit zeigen, dass er dafür mit Schreckreiz bestraft wird, dass er
ungehorsam ist. Es kann aber gut sein, dass er in genau diesem Moment zu einem
kleinen Kind, einem Jogger oder einem anderen Hund schaut – und den Strafreiz
damit verbindet. Das Ergebnis ist dann ein Hund, der noch immer nicht besser
auf Abruf reagiert, dafür aber Ängste, evtl. sogar durch die Angst
ausgelöste Aggressionen, gegen das entwickelt, was er gerade sah. Die Hundehalter
sind dann ratlos, weil ihr Hund „plötzlich“ kleine Kinder meidet oder Jogger
anknurrt, mit denen er doch bisher bestens auskam.
Viele solcher Beispiele finden
sich in meiner Hundeschule ein, erst kürzlich ein Rhodesian Ridgeback Rüde,
dessen Sprühhalsband immer ausgelöst wurde, wenn er zum Wildern durchbrennen
wollte. Bei diesen Spaziergängen war allerdings auch immer seine Gefährtin,
der Zweithund der Familie, anwesend. Die Halter kamen nun nicht wegen des unerwünschten
Jagdverhaltens zu mir in die Hundeschule, mit dem sie sich inzwischen abgefunden
hatten, sondern weil der Rüde seit Wochen die Nähe der Hündin
mied. Immer wenn diese den Raum betrat oder sich, so wie früher, zu ihm
kuscheln wollte, verließ er mit ängstlichem Gesichtsausdruck das
Zimmer und das konnte man sich nicht erklären... Was hatte man diesen beiden
Hunden angetan! Welche Gefühle wurden in den Tieren ausgelöst?! Der
Rüde hatte nun Angst vor seiner Gefährtin, die er früher heiß
und innig liebte, während diese nicht verstehen konnte, weshalb er, der
vorher immer leidenschaftlich mit ihr spielte und tobte, sie jetzt mied. Die
gleiche Trainerin, die den Einsatz des Sprühhalsbandes empfohlen hatte,
empfahl jetzt übrigens, einen der Hunde abzugeben, weil die Tiere sich
unterschiedlich entwickelt hätten und einfach nicht mehr gut zueinander
passen würden. Die Ängste des Rüden erklärte sie über
die angeblich dominante Ausstrahlung der Hündin. Man könnte weinen,
wenn man Hunden mit einem solchen Schicksal gegenüber steht – oder es packt
einen einfach nur die Wut.
Die Probleme gehen noch weiter, denn nichts generalisiert
sich bei Hunden so schnell, wie Geräuschangst. Nicht nur dieser Rüde,
sondern auch zahlreiche andere Hunde entwickeln nach Einsatz des Sprühhalsbandes
Ängste vor allen möglichen Geräuschen. Das Öffnen einer
kohlesäurehaltigen Getränkeflasche, das Zischen von heißem Fett
in der Pfanne, Knall- und Schussgeräusche, die dem Hund vorher egal waren,
versetzen ihn jetzt in Angst und Schrecken. Der oben erwähnte Ridgeback
Rüde zum Beispiel verzog sich mit eingezogener Rute unter den Tisch des
Besprechungsraums, als ich eine Wasserflasche öffnete. Dies tat ich nicht,
weil ich Durst hatte – trauriger Weise gehört es inzwischen schon fast
zum Standardprogramm beim ersten Kennenlernen und Analysieren eines mir vorgestellten
Hundes auszutesten, ob er schon mit Sprühhalsband gearbeitet wurde und
welche Wunden dies an seiner Seele hinterlassen hat. Die Halterin war auch sehr
erstaunt, als ich ihr nach dem „Flaschentest“ auf den Kopf zusagte, dass an
ihrem Hund sicher schon mit Sprühhalsband gearbeitet worden war. Das wollte
sie mir eigentlich gar nicht erzählen, weil sie schon gehört hatte,
dass ich gegen den Einsatz dieser Geräte bin. Nachdem ich sie auf die Reaktion
ihres Hundes hingewiesen hatte, war sie sehr betroffen. Und wütend, nachdem
ich ihr erklärte, weshalb ihr Rüde jetzt Angst vor der Hündin
und vor allen möglichen Geräuschen hatte. Wütend auf die Trainerin,
die sie auf diese „unerwünschten Nebenwirkungen“ nicht aufmerksam gemacht,
sondern immer erklärt hatte, wie harmlos der Einsatz des Gerätes sei.
Für mich stellt sich die Frage, ob Kollegen, die es einsetzen, um diese
Nebenwirkungen nicht wissen, oder ob sie diese bewusst verschweigen, weil kaum
jemand bereit wäre, den Einsatz zu erlauben, wenn sie bekannt wären.
Und ich stelle mir die Frage, was von beiden eigentlich schlimmer ist...
Last not least gibt es Probleme mit der Technik.
Es soll schon vorgekommen sein, dass das Gerät durch andere Funkfrequenzen
oder sogar die Fernbedienung eines in der Nähe befindlichen Halsbandes
an einem anderen Hund ausgelöst wurde. Der Strafreiz wird dann also einem
Hund verabreicht, der einfach nur herumsteht oder gerade spielt oder sonst etwas
tut. Das steigert die Erwartungsunsicherheit natürlich noch mehr und erhöht
die Trefferquote auf Fehlverknüpfungen immens. Zusätzlich löst
es nicht immer zuverlässig aus, kann zum Beispiel durch Wetterlagen mit
feuchter Luft (Nebel, Regen) verzögert oder gar nicht reagieren. Schließlich
zeigt es auch nicht an, wann die Batterie leer ist, wodurch es passieren kann,
dass der Auslöser gedrückt wird und nichts geschieht. Dann käme
man durch das Ausbleiben des Strafreizes (wenn der Hund denn überhaupt
verstanden hätte, wofür er eigentlich bestraft werden soll) in den
Bereich der variablen Bestätigung, was das unerwünschte Verhalten
sogar noch verstärkt. Der Hund würde nämlich lernen, dass er
das Verhalten nur immer wieder zeigen muss, bis er schließlich wieder
zum Erfolg (in diesem Fall das Ausbleiben des Strafreizes und die erfolgreiche
Durchführung des Verhaltens) kommt.
P.S.: Hiermit lade ich alle Hundefreunde ein,
bei der Verbreitung dieses Textes zu helfen. Ich erlaube als Autorin ausdrücklich,
ihn (vollständig und unverändert und unter Nennung der Quelle) auf
anderen Homepages zu veröffentlichen, auszudrucken und zu verteilen oder
auf ihn hinzuweisen. Je mehr Menschen um die Tücken und Gefahren des Sprühhalsbandes
wissen, je mehr Hunden bleibt dessen Anwendung – hoffentlich – erspart. Ein
herzliches DANKE an jeden, der diesen Text weiter gibt.