Redaktion DER HUND Wilhelmsaue 37-10713 Berlin
Der Artikel stammt von Britta Kutscher. BrittaKutscher,
Jahrgang 1965, ist ausgebildete Krankengymnastin sowie osteopathische Hunde-
und Pferdetherapeutin. Sie hält seit über 20 Jahren Hunde, betreibt Hundesport
und setzt ihre beiden Vierbeiner als Co-Therapeuten ein. Die gebürtige
Dortmunderin arbeitet in eigener Praxis für Krankengymnastik in Karby an der
Ostsee.Streitfrage Halsband oder Geschirr? Diese Frage spaltet die Hundewelt: Was sollen Hunde tragen?
Hundephysiotherapeutin Britta Kutscher mit einem überraschend
klaren Halsband-Plädoyer. ....
Halsband oder Geschirr? Das ist keine Geschmacksfrage! Auch der Aspekt, wer die
Führungsrolle übernimmt, ob Hund oder Besitzer, ist dafür nicht entscheidend.
Anatomie, Biomechanik und Physik geben stattdessen ganz klar vor, wie die
Entscheidung zu fallen hat.
Den Druck verteilen
Um Klarheit in die Diskussion zu bringen, ob Halsband oder Geschirr das
Richtige für einen Hund ist, schaut man am besten auf die naturgegebenen
Fakten. Entstanden ist der Trend zum Geschirr aus der physikalisch richtigen
Überlegung: Je größer die Auflagefläche, desto geringer ist der punktuelle
Druck. Um sich von harten Methoden zu distanzieren, wurde überlegt, wie man
Druck vom Hundehals wegnehmen kann und kam auf die Idee, den Druck zu
verteilen. Messungen mit speziellen Druckmessunterlagen haben ergeben, dass
durch die Geschirre durchaus der punktuelle Druck verringert wird, aber es
entstehen Druckspitzen an Körperstellen, die überhaupt keinen Druck vertragen
können. Das Tragen eines Geschirres kann aus gesundheitlichen Gründen
angebracht sein. Letztlich liegt die Entscheidung beim Halter.
Die Hals-Anatomie
Der Hund ist ein Jäger, dessen Körperbau trotz Domestikation immer noch auf
diesen Broterwerb ausgelegt ist. Egal, ob Jagd- oder Schoßhund, im Großen und
Ganzen stimmen die Skelette aller Hunde bis auf einige wenige Details, wie z.B.
die Kopfform, überein. Ebenso haben alle Hunde die gleichen Muskeln mit
denselben Funktionen. Als Beutereißer ist der Hund auf einen überaus stabil
bemuskelten Hals angewiesen, da sich die Beute nach dem Zubeißen durchaus
wehrt. Der Hund hält aber instinktiv fest, schließlich will er nicht
verhungern. Die Halswirbelsäule, bestehend aus sieben Halswirbeln, ist der
beweglichste Bereich der Wirbelsäule und fängt das Schütteln der Beute im
Todeskampf sehr effektiv ab. Auch kleine Hunde können Beute machen, die
körperlich deutlich größer ist. Beispielsweise kann ein Terrier kleiner Größe
zum Erstaunen seiner Besitzer leider schon mal ein Reh erlegen.
Brustgeschirre sollen den Hundehals entlasten...
SONDERFALL SCHLITTENHUND
Der Zugpunkt beim Huskygeschirr liegt an der Schwanzwurzel, so dass der ganze
Körper uneingeschränkt agieren kann. Die Spitzenzugkraft ist immer nur für
kurze Zeit gefordert, das zu ziehende Gewicht verteilt sich im Gespann
gewöhnlich auf mehrere Hunde und der Schlittenhund läuft immer mit nahezu
waagerechter Zugleine, um nur einige Aspekte dieses speziellen
Geschirrgebrauchs zu nennen.
Die Idee, Hunde mit einem Geschirr auszustatten, ist keine Erfindung moderner
Hundetrainer. Ihren Ursprung hat sie in der Schlittenhundearbeit. So ziehen etwa
Huskys schadlos den Schlitten im Geschirr. Dabei handelt es sich allerdings zum
einen um komplett anders konzipierte Geschirre als die marktüblichen für den
Hausgebrauch, in denen der Vierbeiner ja gerade nicht ziehen soll.
Haben Sie schon mal beobachtet, wie zwei Hunde miteinander toben, da wird auch
gehörig gerissen und gezerrt. Oder welcher Hund liebt nicht das wunderbare
Zerrspiel mit dem Spielzeug? Durch diese Spiele nehmen die Hundezähne meist
mehr Schaden als die Halswirbelsäule, sonst wäre die Spezies Hund mangels
Jagderfolg längst ausgestorben.
Ergo: Die Halswirbelsäule ist sehr beweglich und tief in sehr gut ausgeprägte
Muskulatur eingebettet. Durch die Beweglichkeit verzeiht sie auch schon einmal
einen seitlichen Ruck.
Heikle Brustregion
Ähnlich einem Weidenzweig, der frisch gebrochen weich und elastisch ist,
getrocknet jedoch ohne viel Kraft zerbricht, ist auch bei der Anatomie des
Hundes entscheidend, ob die Kraft auf elastische, gut bemuskelte Körperpartien
ausgeübt wird, oder auf starre Körperteile, bei denen die Knochen wenig
geschützt dicht unter der Haut liegen. Was zeichnet diese Körperregion
anatomisch aus? Der Brustkorb des Hundes ist Träger des Brustgeschirres. Der
Brustkorb besteht aus 13 Brustwirbeln. An jedem beginnt ein Rippenpaar, das in
großem Bogen abwärts führt. Am Brustbein, das aus kleinen, wirbelähnlichen
Knochen besteht, werden alle Rippenpaare mehr oder weniger direkt wieder
zusammengeführt und schließen den Brustkorb. Die Knochen des Brustbeins bilden
eine bewegliche Gliederplatte. Das menschliche Brustbein ist dagegen eine
starre Knochenplatte. Seitlich rechts und links sind die Schulterblätter auf
den Brustkorb gelagert und dort
nur durch Muskeln mit ihm verbunden. Eine knöcherne Verbindung wie das
menschliche Schlüsselbein fehlt beim Hund. Die Schulterblätter bilden am
vorderen Ende gemeinsam mit den Oberarmen die Schulter- oder Buggelenke. Sie
sind an der Vorderseite des Hunderumpfes rechts und links neben der mittig
gelegenen Brustbeinspitze gut zu tasten.
Hier zwickt es. Wenn Geschirrteile in den Achseln drücken oder reiben, können
Verletzungen und Irritationen entstehen.
Rutschende Riemen
Wenn man genau hinschaut, kann man hier recht viel Beweglichkeit bei jedem
Schritt des Hundes beobachten. Sind die Schultergelenke durch irgendwelche
äußeren Einflüsse wie z.B. ein dort aufliegendes Norwegergeschirr in ihrer
Beweglichkeit eingeschränkt, bereitet das dem Tier nicht nur Unbehagen (Welche
Dame hat nicht schon mal über die heruntergerutschten BH-Träger geflucht? Und
damit Sport treiben?), sondern es entsteht sogar eine erhebliche Mehrbelastung
für die darunter liegenden Gelenke, allen voran die Ellenbogengelenke. Die
Schulterblätter bewegen sich deutlich vor und zurück, sodass hier aufliegende
Textilstreifen auch die natürliche Bewegungsökonomie stören. Nun liegen die
Bruststreifen der Geschirre auf dem Brustbein -sollten sie zumindest. Wer hat
schon mal probiert, ein Brett auf einer Rolle auszubalancieren? Bei der
geringsten Bewegung der Rolle rutscht das Brett hinunter. Ähnlich verhält es
sich mit dem Brustriemen des Geschirrs. Da der Hund ein mobiles Wesen ist, hat
das Brustriemchen leider keine Chance, auf dem Brustbein liegenzubleiben. Es
verrutscht zur Seite und drückt dann auf die sehr empfindlichen Gelenke
zwischen den Rippen und dem -Brustbein. Oder es rutscht in die Achselhöhlen.
Hier verlaufen wichtige Nerven und Gefäße, die die Läufe versorgen. Erzeugen
Geschirrteile Druck oder Reibung in den Achseln, so können Muskelverletzungen
und/oder Irritationen der Nerven bis hin zu Lähmungen entstehen. Brustbein und
Rippen mögen aber auch keinen Druck. Die Riemen der meisten Geschirre beengen
die Schulter- und Ellenbogengelenke.
Behinderte Atmung
Die seitlichen Brustriemchen bringen bei seitlichem Zug des Hundes (oder des
Besitzers)
auch noch Scherkräfte auf das in sich bewegliche Brustbein. Des Weiteren laufen
diese Riemchen über die Rippen. Funktion der Rippen ist es, sich
auseinanderzuspreizen und sich wieder zusammenzuziehen, um so den für die Atmung
notwendigen Über- bzw. Unterdruck im Brustkorb zu erzeugen. Wieder eine Frage
an die Damen: Wie fühlt es sich an, wenn man mit einem BH mit zu geringem
Brustumfang joggen soll? Den Herren wird schon beim Gedanken an eine derartige
Einengung die Luft wegbleiben! Nun werden Sie vermutlich erwidern, man müsse
das Geschirr ja nicht so eng schnallen. Doch schon der Zug an der Leine reicht
für einen die Atmung beschränkenden Effekt aus. Ein weiterer Faktor für
Unbehagen sind die dicken Schnallen vieler Geschirre, die auf den Rippen
liegen. Wird das Geschirr nicht abgenommen, sobald sich der Hund hinlegen soll
oder möchte, so drücken die Schnallen auf die empfindliche Knochenhaut der
Rippen. Wer schläft schon gerne auf Krümeln, von Metall- oder Plastikknubbeln ganz
zu schweigen?
Bei langen Rücken
Auch wer glaubt, durch ein Geschirr die lange Wirbelsäule seines Dackels zu
schonen, der täuscht sich leider! Entscheidend hierfür ist nämlich, dass eine
Knickung der Wirbelsäule entsteht: Die Halteöse für die Leine befindet sich
über der mittleren bis hinteren Brustwirbelsäule. Die Zugrichtung und damit der
Winkel einer Hebelwirkung ist abhängig von der Höhe des Hundes in Relation zur
Höhe des Hundeführers. Je kleiner der Hund, desto größer wird die Knickwirkung
auf die Wirbelsäule bei angezogener Leine.
Die Druckmessungen haben ergeben, dass die schonendste Druckverteilung mit
einem breiten, weichen Halsband zu erreichen ist, bei dem alle Schnallen,
Schieber und die Leinenöse im Nacken positioniert sind.
Selbst entscheiden
Es gibt einige medizinische Ausnahmefälle, bei denen das Geschirr das
Führungsmittel der Wahl ist. Dazu zählen Verletzungen oder Krankheiten im
Bereich des Halses, außerdem eine Neigung zum Trachealkollaps (Instabilität der
Luftröhre). Davon abgesehen: Vielleicht sehen Sie die Auswahl der Führungshilfe
für Ihren Hund zukünftig unter anderen Gesichtspunkten als die Mode oder
strikte Hundeplatzregeln es vorschreiben. Was für den einzelnen Hund am besten
zu sein scheint, muss in letzter Instanz jeder selbst entscheiden.
BrittaKutscher,
Jahrgang 1965, ist ausgebildete Krankengymnastin sowie osteopathische Hunde-
und Pferdetherapeutin. Sie hält seit über 20 Jahren Hunde, betreibt Hundesport
und setzt ihre beiden Vierbeiner als Co-Therapeuten ein. Die gebürtige
Dortmunderin arbeitet in eigener Praxis für Krankengymnastik in Karby an der
Ostsee.
Die Antwort in „Der Hund“ 11/2010: Dieser Artikel hat uns beim letzten Treffen der AZ
Osteopathie im FBZ-vet sehr beschäftigt. Leider wurden in dem Bericht weder das
Studiendesign noch die Methodik näher erläutert.
Der Vergleich "gut sitzendes
Halsband versus schlecht sitzendes Geschirr" ist ein Vergleich von Äpfel mit
Birnen und hält schon daher keiner näheren Prüfung stand. Die Argumentatiopn der
Kollegin ist teilweise nicht nachvollziehbar.
Frau Kutscher sieht in der flexiblen Halswirbelsäule einen
besonderen Schutz bei einem seitlichen Ruck, aber Mobilitöt bedeutet
keinesfalls gleichzeitig auch Stabilität. Das Argument, der Hund sei ein
Beutereißer und habe deshalb eine gut ausgebildete Halsmuskulatur, ist aufgrund
unserer praktischen Erfahrung so nicht haltbar. Die wenigsten Haus- und
Familienhunde reißen heute noch ihre Beute selber, so dass bei vielen die
Halswirbelsäulenmuskulatur eher defizitär ist.
Ein aktives Beutschütteln kann man aus biomechanischer Sicht
nicht mit einem pötzlich von außen ausgeübten Zug vergleichen. Die
neuromuskuläre Ansteuerung der Nackenmuskulatur ist bei einem ausgeübten Zug
von außen nicht gegeben, eine entsprechende Schutzspannung kann nicht aufgebaut
werden.
Frau Kutscher plädiert in krankheitsbedingten Ausnahmefällen
zum Brustgeschirr. Das Problem besteht aber häufig darin, das Erkrankungen der
Wirbelsäule dem Besitzer erst einmal nicht bekannt sind.
Frau Kutscher geht zwar auf die Problematik des
Trachealkollapses durch ein Halsband ein, lässt aber den Druck auf Kehlkopf,
Schilddrüse und die Halsnerven völlig außer Acht. Dabei ist nachgewiesen, dass
durch Druck auf die Halsvenen der intraoculare Druck (Augeninnendruck)
ansteigt, was naürlich negative Auswirkungen bei einer Glaukomerkrankung hat.
Frau Kutscher propagiert ein weiches, breites Halsband,
dessen Ösen und Schnallen im Nacken positioniert sind, aber jeder, der seinen
Hund am Halsband führt, kennt das Problem, dass das Halsband aufgrund des
Karabinergewichtes zur Seite rutscht und daher nicht mehr optimal sitzt.
Zur Anatomie der Brustregion:
Das Brustbein ist keine bewegliche
Gliederplatte. Es verknöchert größtenteils und bleibt dadurch stabil. Ein
Schlüsselbein ist beim Hund aufgrund der Brustkorbform mit den breiten
Seitenflächen nicht notwendig. Neun Rippen als Tragerippen sind direkt mit dem
Brustbein verbunden. Die vier freien Rippen stellen Atmungsrippen dar, sodass
eine Behinderung der Atmung durch Geschirr, auch wenn es noch so schlecht
sitzt, eigentlich anatomisch nicht möglich ist.
Um das Ganze ad absurdum zu
führen, sollten wir uns die Frage stellen, warum Hunde an einem speziellen
Geschirr im Auto fixiert werden und nicht am Halsband…
AG Osteopathie im FBZ-vet, Andrea Oberdick, Priska Pulfer, Bettina
Walker, Barbara Wehran, Diana Widmann, Corinne Wyss, (Hundephysiotherapeutinnen
und –osteopathinnen), Chrstiane Gräff, 76689 Karlsdorf-Neuthard
(Humanphysiotherapeutin und –osteopathin, Hundephysiotherapeutin und –osteopathin).
Und so gilt für mich nach diesem Artikel und der Antwort der AG erst Recht: Halsband verboten, Brustgeschirr Pflicht!